Krebstherapie: die Pille gegen Krebs

NexavarDie Pille gegen Krebs

Neue Wirkstoffe unterbinden die Versorgung der Krebszelle mit Nahrung. Es werden keine Blutgefäße zu den Krebszellen aufgebaut, der Tumor verhungert.

Zehn Jahre Forschungsarbeit an neuer Krebstherapie. Eine Pille gilt als Wunderwaffe in der Krebsbekämpfung. Krebszellen senden Botenstoffe aus, die das Wachstum von Blutgefäßen fördern, durch die sie mit Nährstoffen versorgt werden. Zehn Jahre forschte Pharmariese Bayer an einem Wirkstoff, der diesen Prozess unterbindet. Ab Mitte Juli kommt die Pille gegen Krebs auch in Österreichs Spitälern zum Einsatz. Sie erhöht die Überlebensrate der betroffenen Patienten um 38%.

Eine Krebszelle unterscheidet sich nicht von anderen Zellen des Körpers. Krebszelle wachst und teilt sich zwecks Vermehrung. Krebs hat Durst und Hunger - und er braucht zu seinem Überleben Sauerstoff. All das bekommt die Krebszelle vom befallenen Körper. Raffinierte Botenstoffe fördern das Wachstum der Blutgefäße im Körper, die sog. Angiogenese, die später die tödlichen Tumore versorgen. „Der Körper liefert den Krebszellen die für sie lebensnotwendige Basis, die zu gleicher Zeit zu seinem Untergang führt.", behauptet Wiener Krebstherapeut Christoph Zielinski.

Neue Wunderwaffe soll Krebszellen besiegen.

Die Verhinderung dieses meistens tödlichen Versorgungskreislaufs gilt seit mehreren Jahren als clevere Ergänzung der klassischen Krebsbehandlungen wie Chemotherapie oder Operation, die allererst auf das Abtöten der Tumore abzielen. Nach zehnjähriger Forschungsarbeit haben die Krebsspezialisten des Pharmakonzerns Bayer jetzt ein neues Medikament Nexavar entwickelt, das genau hier ansetzt. Dieses Medikament unterdrückt mit dem neuen Wirkstoff Sorafenib jene Signale, die Krebszellen aussenden, um lebensnotwendige Sauerstoff und Nährstoffen zu bekommen. Bei langwierigen klinischen Versuchen an circa tausend Nierenkrebspatienten kam es dabei zu einer Erhöhung der Überlebensrate der betroffenen Patienten um 38 Prozent.

Der Leiter der klinischen Entwicklung Krebs bei Bayer HealthCare, Voliotis Dimitris: „Nexavar verwendet eine Doppelstrategie. Der Wirkstoff Sorafenib unterdrückt einesteils das Aussenden der Botenstoffe durch die Krebszelle, anderenteils das Wachstum der Blutgefäße" (siehe Grafik). Ab Juli 2006 ist dieses Medikament auch in Osterreich zugelassen.

Gezielter Angriff auf Krebszellen.

Nierenzellkarzinome zählen zu den tödlichsten Krebsarten. Eine Erkrankung endet bei der Hälfte der Patienten mit dem raschen Tod, die durchschnittliche Lebenserwartung nach Diagnose eines Nierenzellkarzinoms liegt bei rund 16 Monaten. In Österreich erkranken rund 1.500 Menschen jährlich an dieser Krebsart.

Bislang hatte die Medizin wenig Mittel, um diese verheerende, rasch metastasierende Krebsart wirkungsvoll zu bekämpfen. Gerade die mit Blutgefäßen bestens ausgestattete Nierenregion bietet dem Tumor ideale Lebensbedingungen. Manuela Schmidinger, Krebstherapeutin am Wiener AKH, die Nexavar bereits in klinischen Versuchen an 30 Patienten erprobt hat: „Das neue Medikament erhöht die Überlebenschancen der Patienten um 38 Prozent. Und es stoppt nachweisbar bei einer großen Patientengruppe die Neubildung von Tumorzellen."

Eine vollständige Heilung bei allen vom Nierenzellkarzinom betroffenen Patienten liegt allerdings noch in ferner Zukunft. Schmidinger: „In Kombination mit klassischen Krebstherapien gibt die Methode des Aushungerns von Tumorzellen aber Hoffnung. Es ist ein echter Quantensprung in der Behandlung und verbessert nachweisbar die Lebensqualität der betroffenen Patienten."

Im Gegensatz zur klassischen Chemotherapie sind die Nebenwirkungen bei Nexavar vergleichsweise gering. Christoph Zielinski: „Es kann bei den behandelten Patienten zu Hautausschlägen und Durchfall kommen. Diese Nebenwirkungen sind aber gut therapierbar." Da das neue Medikament in Pillenform eingenommen wird, sind während der Behandlungsphase keine langwierigen Spitalsaufenthalte notwendig.

„Biologicals" auch gegen andere Krebsarten.

Der Einsatz dieses neuen oder ähnlicher Medikamente aus der Gruppe der „Biologicals" soll auch auf andere Krebsarten ausgeweitet werden. Hier laufen bereits erste weltweite Studien, etwa bei Leber-, Lungen- oder Hautkrebs. Bayer-Forscher Dimitris Voliotis: „Leberkrebs, das so genannte hepatozelluläre Karzinom, ist ein besonders aggressiver Krebs, für den erheblicher therapeutischer Bedarf besteht. Die ersten Ergebnisse von Testpatienten, die mit Nexavar behandelt werden, sind ermutigend. Bei 50 Prozent von ihnen kam es zu einer Stabilisierung des Krankheitsverlaufs und bei vielen zu einer Remission der Tumorzellen."

Erste Versuche bei Hautkrebs, dem malignen Melanom, lassen vermuten, dass der neue Wirkstoff bei zwei Dritteln dieser Patientengruppe wirksam ist. Gute Aussichten für jene, die auf eine konventionelle Chemotherapie bislang nicht angesprochen haben. Ein weiteres wichtiges neues Anwendungsgebiet von Nexavar könnte auch die Behandlung von Lungenkrebspatienten werden. In den USA gibt es bereits klinische Tests, bei denen der Wirkstoff Sorafenib beim so genannten nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC) eingesetzt wird.

Von dieser Krebsart sind 80 Prozent aller Lungenkrebspatienten betroffen. Klassische Chemotherapie-Behandlungen konnten die mittlere Überlebenszeit dieser Patienten bislang nur um drei Monate verlängern. Erste Versuche zeigten, das Sorafenib bei 60 Prozent der Betroffenen eine Krankheitsstabilisierung herbeiführen konnte, die mittlere Gesamtüberlebenszeit der behandelten Patienten steigerte sich auf knapp 30 Wochen. Zielinski: „Die Weiterentwicklung dieses Therapieansatzes könnte bei vielen bislang nur sehr unzureichend therapierbaren Krebsformen in den nächsten fünf Jahren unglaubliche Fortschritte bringen."

Hohe Kosten sorgen für Diskussionen.

Medikamente wie Nexavar haben allerdings eine Nebenwirkung, die noch für reichlich gesellschaftspolitischen Zündstoff sorgen wird. Mit Kosten von rund 3.500 Euro pro Therapieeinheit sind sie sehr teuer. Zielinski: „Wenn diese Medikamente flächendeckend zum Einsatz kommen, und dafür bin ich als Arzt auf alle Fälle, dann gerät die Finanzierbarkeit unseres Gesundheitssystems noch mehr in Schieflage, als es ohnehin bereits der Fall ist. Hier sind die Politiker eindeutig gefordert, im Sinne der betroffenen Patienten und ihrer Angehörigen klare Aussagen zu treffen und die Finanzierung dieser Therapien für alle Patienten zu sichern. Diese neuen, sehr wirksamen Mittel dürfen nicht Speerspitze einer Zweiklassenmedizin werden."


"Es ist der Beginn einer neuen Ära der Medizin"

INTERVIEW. Krebsspezialist Christoph Zielinski über die neuen, cleveren Krebsmedikamente.

NEWS: Was macht die so genannten Angiogenesehemmer für Krebstherapeuten zur wahren Wunderwaffe der Medizin?

ZIELINSKI: Die an sich simple, aber enorm wirksame Mechanik der Unterbindung der Nährstoffzufuhr und der Versorgung mit Blutgefäßen des Tumors ist ein völlig neuer Ansatz der Krebstherapie. Dabei wird der Krebs mit seinen eigenen Waffen geschlagen, denn bislang konnte er den Körper ungehindert für sein eigenes Wachstum missbrauchen. Medikamente wie Nexavar unterbinden das wirksam.

NEWS: Warum kommen die neuen Krebsmedikamente vor allem bei Nierenzellkarzinomen zum Einsatz?

ZIELINSKI: In der mit Blutgefäßen bestens versorgten Nierenregion haben Tumore ideale Lebensbedingungen. Gleichzeitig war die Behandlung mit herkömmlichen Methoden nicht oder nur sehr schwer möglich. Das Unterdrücken der Blutversorgung in diesem sensiblen Körperbereich ist erst durch diese neuen Medikamente wirksam möglich geworden.

NEWS: Wird diese Methode auch bei anderen Krebsarten zum Einsatz kommen?

ZIELINSKI: Es gibt bereits weltweite klinische Studien, bei denen der Einsatz der neuen Wirkstoffe bei Lungen-, Haut- und Leberkrebs erprobt wird. Vor allem bei Leber- und Lungenkrebs stimmen die ersten Ergebnisse zuversichtlich, denn es kommt bei der Mehrheit der Patienten zu einem Wachstumsstopp des Tumors, bei vielen zu einer Reduktion der Krebszellen. Ich rechne in spätestens sechs Jahren mit neuen, wirksamen Medikamenten in diesen Bereichen.

NEWS: Die neuen Medikamente sind aber sehr teuer...

ZIELINSKI: Ja, leider. Daher muss seitens der Politik sichergestellt werden, dass sie wirklich allen Patienten zur Verfügung stehen. Es darf hier nicht zu einer Zweiklassenmedizin kommen.

Quelle: News Nr.27, 06.07.2006